E-Mail an Dr. Markéta Hynesova, Wien, 11. Dezember 2024

Sehr geehrte Frau Doktor,

ich gratuliere herzlich zur Promotion! Heute habe ich begonnen, Ihre Dissertation über Schikaneder zu lesen und ich erkenne nun, dass die Dissertationen in Olmütz vielleicht länger sind als in Wien, was ihr wissenschaftliches Niveau anbelangt werden sie aber genauso hergestellt wie hierzulande. Gutwillige akademische Lehrer betreuen historiographische Arbeiten, zu deren Betreuung sie als Germanisten nicht wirklich qualifiziert sind. Leider haben Sie mich nicht mehr konsultiert, was (abgesehen von hunderten[!] Tippfehlern) zu ein paar kuriosen Unfällen im biographischen Teil Ihrer Arbeit führte. Da ich vermute, dass Sie Ihr opus magnum im Druck herausgeben wollen, habe ich keinen Grund, Ihnen eine seitenlange Errata-Liste zu schicken. Die Erfahrung zeigt, dass man in so etwas viel Zeit investiert, aber dann nur als einer von vielen Helferleins in einem Vorwort begraben wird. Ein paar Dinge, die mir auf die Schnelle aufgefallen sind:
 

  1. Wenn Sie am Anfang des Kapitels über Schikaneders Testament schreiben: "... sondern auch sein Testament bleibt aus unerklärlichen Gründen unbeachtet", ist das eine grobe Unwahrheit, die nur der Aufblasung der "Bedeutung" der eigenen Arbeit dienen soll. Das Testament blieb nicht unbeachtet. Sie schreiben weiter: "Michael Lorenz recherchiert zwar präzise Schikaneders biographischen Hintergrund, nichtsdestotrotz analysiert er in seinem Artikel nur einige Testamentspunkte." Herr Lorenz befleißigte sich genau jener Vorgangsweise, die Sie offenbar nie gelernt haben: das Relevante vom Irrelevanten zu scheiden, um einen wissenschaftlichen Text besser lesbar zu machen (die Tatsache, dass man in einem Aufsatz in den Wiener Geschichtsblättern nicht endlos Quellen transkribieren kann, brauche ich nicht zu erwähnen). Sie wiederholen meine Forschung, präsentieren ebenfalls nicht den ganzen Text und bieten keinen wissenschaftlichen Informationsgewinn. Wenn Sie sämtliche Personen nennen, die in Schikaneders Testament genannt, bzw. gestrichen wurden, so müssen Sie dem Leser auch mitteilen wer diese Personen waren und wie sie in Kontakt zu Schikaneder kamen. Wer waren die in Punkt 11 und 12 gestrichenen Personen? Wie kamen die Herren Roeger, Steiger und Röhrl in das Testament? Wer A sagt, muss auch B sagen. Wenn Sie sich diese Zusatzarbeit sparen, wird Ihre Echo-Recherche als das erkennbar, was sie ist: eine banal-eitle Textstreckung. Das Kuriose bei der ganzen Sache ist, dass Sie genau das tun, was Sie an Ihren Vorgängern kritisieren: Sie behandeln ("analysieren" kann man das nicht nennen) "nur einige Testamentspunkte". Eine komplette Abschrift des Testaments fehlt. Sie wissen nicht, dass die Realakademie nicht die Akademie der bildenden Künste war (von Deutsch darf man prinzipiell nichts abschreiben) und haben dann in Fußnote 571 noch die Dreistigkeit, ihre Vorgänger einer "Missachtung eines Aspekts der Malerei" zu zeihen, der nur auf Ihrem eigenen Irrtum basiert. Sehr lachen musste ich über Ihren "Sperrkomißar v. Qubowitz".
  2. Ähnlich redundant gingen Sie bei der Behandlung von Gerhard Ammerers Forschung zum Akt OeStA/AVA Inneres PHSt H40.1812 vor. Dass Sie Ammerers Fund eine "zufällige Entdeckung" nennen, zeigt nur, dass Sie nicht wissen, dass es seit dem Jahr 1927 eine (mittlerweile digital erfasste) Kartei der erhaltenen Akten der Polizeihofstelle im AVA gibt, wo man den Namen Schikaneder ganz leicht findet. Bei Fußnote 504 wird mir wieder bewusst, dass viele Ihrer Fußnoten systematisch fehlerhaft sind: bei Primärquellen in Archiven wird immer zuerst der Fundort (das Archiv) und dann das Dokument mit Signatur genannt.
  3. Das Kapitel "Schikaneders Grab" ist überflüssig. Es hätte mit einem einzigen Satz  ersetzt werden können: "Schikaneder wurde am 23. September 1812 3. Klasse im Allgemeinen Währinger Friedhof in einem allgemeinen Grab beerdigt, dessen Ort unbekannt ist". Die zwei Bereiche der eigenen Gräber im Währinger Allgemeinen Friedhof lassen sich zwar lokalisieren, was aber nichts bringt, da Schikaneder kein eigenes Grab bekam. Sie haben auch nicht (wie Sie behaupten) "das Gebiet des Allgemeinen Währinger Friedhofs eingegrenzt , in dem sich das allgemeine Grab befindet, in dem auch Schikaneder bestattet wurde", denn die Fläche, wo sich ehemals die allgemeine Gräber befanden, beläuft sich auf ein Drittel des heutigen Währinger Parks und bestand aus zwei voneinander getrennten(!) Arealen. Sie wissen nicht, in welchem Teil Schikaneder begraben wurde.
  4. In Kapitel 2.2.8. fassen Sie die Sekundärliteratur wie folgt zusammen: "... wurde sein Haus in Nussdorf zerstört, er verkaufte das Haus, durch die Geldentwertung 1811 verlor er auch dieses letzte Geld, er sollte das Theater in Pest übernehmen, verfiel aber dem Wahnsinn und starb am 21. September 1812 in[sic!] Wohnung von Franziska Günschl, seiner letzten Geliebten, mit der er einen Sohn hatte, und die ihn sowie Eleonore unterbrachte." Sie haben meinen Aufsatz von 2008 nicht aufmerksam gelesen. Wenn man (bewusst?) solche Fehler anhäuft, ist es dann natürlich leicht, "auf neue Erkenntnisse" zu stoßen. Wahr ist vielmehr: a) Schikaneders Haus wurde 1809 nicht zerstört, sondern geplündert, b) das Haus wurde erst im Frühjahr 1812 verkauft (das Grundbuch 231.1 konsultierte außer mir niemand), c) Schikaneder starb nicht in Franziska Günschls Wohnung und Franziska Günschl brachte auch nicht "Eleonore unter".
  5. Wo auch immer man in Ihre Dissertation hineinliest, stößt man auf Fehler. Rosenbaum (dessen Tagebuch seit 2016 komplett online und nicht "unveröffentlicht" ist, wie Sie auf S. 583 glauben), zitieren Sie ohne Signatur und Bandnummer und mit Lesefehlern ("es heißt nicht "der den schwedischen Fischer", sondern "oder der schwedische Fischer", am 13.06.1801 heißt es: "machten wir uns schon zur Eröffnung des neuen Theaters an der Wien" und "dem man die Oper zueignete"). Viele wichtige Zitate aus Rosenbaum fehlen. Auf 668 Seiten erfährt man von Ihnen nicht, wo sich das Original von Rosenbaums Tagebuch befindet! Franz Brockmann nennen Sie "Karl". Viele von Ihnen angegebene Internet-Links sind tot. Matthias Perths Aussagen über Schikaneder in seinem Tagebuch hätten sich in Ihrer Arbeit gut gemacht, blieben Ihnen aber unbekannt. Perth im Jahr 1809 über Schikaneders Gastauftritt in "Die Waldmänner": "Schikaneder ist jetzt bereits zu alt für jene Rollen, in denen er einstmals vergöttert worden ist, sein Organ schwach, sein Gesang unverständlich. Das Publikum zeigte sich doch sehr nachsichtig gegen ihn, ohne Zweifel aus Rücksicht seiner vorigen Verdienste um unser Theater, da er der erste war, der die abgeschmackten Possen des Kasperl verbannte und feinere Scherze auf die Bühne brachte."
  6. Symptomatisch für Ihre voreilige Urteilsfreudigkeit (und ich nenne hier nur ein Beispiel von vielen) ist Ihr Kommentar zu Schikaneders Brief an Fürst Esterházy vom 2. Jänner 1810 (ehemals im Mozarteum) auf S. 102f.: "Was oder ob der Fürst antwortete, ist der Forschung[!] nicht bekannt." Wie können Sie das behaupten, wenn Sie dazu nie einen Forscher befragt haben? Ich hätte Ihnen sagen können, dass der Fürst nicht antwortete, sondern Joseph Sonnleithner die Antwort schreiben ließ. Diese Antwort vom 13.01.1810 befindet sich im HHStA, was ich Ihnen auf Anfrage jederzeit verraten hätte. Schikaneders Brief an Esterházy, der aus dem HHStA gestohlen worden war, wurde auf mein Betreiben vom Mozarteum zurückgegeben und befindet sich seit 2022 wieder im HHStA.
  7. Im Kapitel 2.2.2. vermisse ich schmerzlich die Transkription der Hofratsrelation der Sitzung vom 23. Februar 1778 in Salzburg, in der Karl Wahrs und Schikaneders Ansuchen behandelt wurden, nachdem Schikaneder von Augsburg aus um die "Besetzung" der Salzburger Schaubühne "für die halbe Fastenzeit oder gleich nach Ostern" angesucht hatte (in dem bewussten, von Friedrich Fischer erwähnten Brief an das Salzburger Stadtgericht).
  8. Ihr von Weihrauch durchwehtes Kapitel "Fazit" strotzt von unwissenschaftlicher Unbescheidenheit, wobei viele Angaben glatte Übertreibungen sind. So eine Selbsthuldigung, die sich stellenweise wie eine Parodie auf Eva Gesine Baur liest, hinterlässt keine gute Wirkung. Wer sich so viel Arbeit gemacht hat, hat das nicht nötig.
     

Genug davon! Verzeihen Sie meine kritische Haltung, aber von seichter Lobhudelei profitieren Sie nichts.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Michael Lorenz

 


© Dr. Michael Lorenz 2026. Alle Rechte vorbehalten. Im Internet veröffentlicht am 12. Juli 2026.