Wien, 13. April 2026
Sehr geehrte
Damen und Herren,
in der Sendung "Apropos Klassik" anlässlich des
Geburtstags von Joseph Lanner wurde derart viel Unfug über diesen
Komponisten verzapft, dass die Toleranzgrenze eines Musikers und
Musikwissenschaftlers hart strapaziert wurde. Ist denn das Honorar wirklich
so gering, dass Herr Maurer vor so einer Sendung nicht einmal einen Blick in
Wikipedia machen, oder wenigstens den im Internet zugänglichen Katalog
der von ihm erwähnten Lanner-Ausstellung des Jahres 2001 konsultieren
konnte?
Aus Zeitgründen ist es mir nicht möglich, alle Fehler in
dieser Sendung aufzuzählen. Als kleines Gratisseminar will ich doch ein paar
der gröbsten Schnitzer nennen:
- Dass Lanner "den Tanzrhythmus des 19. Jahrhunderts
neu formte", ist musikhistorischer Unfug. Dieser
Tanzrhythmus war bereits bei Mozart perfekt ausgeprägt.
- Ein "Gekritzel im Taufprotokoll Lanners" gibt es
nicht. Das Protokoll Tom. 39a der Pfarre St. Ulrich ist eine wunderschön
geschriebene Reinschrift. Da der Priester den Namen des Vaters
missverständlich korrigierte, wurde dessen Name lange als "Laimer"
gelesen und stand daher auch falsch im Index. Das war aber nicht die
Ursache für das falsche Geburtsdatum. Dieses entstand allein aus der
Tatsache, dass 1843 in Oberdöbling niemand Lanners richtiges
Geburtsdatum kannte und der Grabstein daher ein falsches Datum trägt.
- Einen "originalen Taufschein" Lanners gibt es nicht.
Das Dokument, das Katti Lanner 1879 für Josef Wimmer kopierte, stammt
aus dem Jahr 1843 und basiert auf der Taufeintragung. Diese Tatsache
publizierte ich schon 2015 in meiner Glosse "Joseph
Lanner in Grove Music Online", aber Herrn Maurer war der Gebrauch
einer Internet-Suchmaschine offenbar nicht zuzumuten.
- Lanners Eltern hatten nicht "sieben Kinder". Zwischen
1801 und 1817 gebar Anna Lanner elf Kinder, von denen nur zwei das
Erwachsenenalter erreichten (im Ausstellungskatalog von 2001 sind es 13
Kinder, aber das liegt daran, dass der "Lanner-Forscher" Herbert Krenn
zwei zusätzliche Kinder erfand).
- Alle Angaben über Martin Lanners Wesen sind
unbelegter Nonsens aus dem Märchenbuch.
- Zur Kindheit Lanners gibt es keine Überlieferung
(außer den erwähnten frei erfundenenen Geschichten). Vater Lanners
angebliche Besuche musikalischer Veranstaltungen entstammen der selben
Kategorie. Dass Lanner Geigenunterricht verlangt habe, ist reine
Fantasie und der Geigenlehrer Lanners war höchstwahrscheinlich der
Hofmusiker Zeno Menzl (s. mein Artikel von 2015). Lanner war als Geiger
nicht Autodidakt und er brach auch nicht die Schule ab. Er begann eine
Handschuhmacherlehre (die er nicht beendete) und dann machte er eine
Graveurlehre. Seine Handschrift war die perfekteste und schönste aller
Wiener Komponisten seiner Generation.
- Dass Lanner jemals im Orchester Michael Pamers
spielte, ist unbewiesen (s. Thomas
Aigner/Gunhild Oberzaucher-Schüller,
Art. "Lanner, Familie", in:
Oesterreichisches Musiklexikon online).
- Auch Johann Strauss Vater spielte nie in Pamers
Orchester. Dass "Schubert beim Rebhuhn Pamers Orchester lauschte", ist
eine Legende. Herrn Maurers Charakterisierung Pamers als "heißhungriger
Sonderling" basiert offenbar auf dem fahrlässigen Missbrauch einer
Zeitmaschine.
- 1818 lief die österreichische Wirtschaft nicht
"stabil".
- Die Brüder Drahanek waren nicht "aus Böhmen
eingewandert". Sie wurden in Dobersberg im Waldviertel geboren.
- Alle Aussagen über das Trio Lanner-Drahanek, die
"Künstler-WG" und Schulden von Lanner und Strauss entstammen dem
Traumbuch der Marke Fritz Lange. Nichts davon ist belegt. Ein Großteil
der ganzen Sendung bestand aus solchen Märchen.
- Lanners Scheidung von Tisch und Bett erfolgte nicht
1840, sondern 1842. Der Scheidungsvertrag des Ehepaars Lanner wurde am
21. September 1842 unterzeichnet.
- Die vollkommen unbewiesene Behauptung, "Lanner sei
dem Alkohol verfallen" ist postume Rufschädigung. Lanner "vereinsamte"
auch nicht, er lebte ab 1838 mit einer 16 Jahre jüngeren Freundin, die
1843 ein Kind von ihm bekam.
- August Lanner übernahm die Kapelle nicht "im Alter
von acht Jahren". Das Orchester wurde zuerst von Franz Schröder
geleitet. August Lanners "Erstes Debut" als Kapellmeister erfolgte am
19. März 1853 in der Bierhalle außerhalb der Mariahilfer-Linie. Am 29.
März 1853 spielte August Lanner erstmals beim "Sperl". August Lanner
starb nicht an einer "Lungenkrankheit" (wie Herr Maurer behauptete),
sondern wie sein Vater an Typhus.
Muss man sich beim Thema Lanner immer der Kolportage von
Wiener Lokalmärchen befleißigen und die Hörerverdummung auf die Spitze
treiben? Warum lässt man solche Sendungen von Leuten machen, denen dazu jede
fachliche Qualifikation fehlt? Herr Maurer bemerkte ja nicht einmal, dass
Lanner im Melodram "Die Septembertage in Wien" Schubert zitiert.
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Michael Lorenz
Am 14. April 2026 antwortete die Ö1-Redakteurin Mag. Elke Tschaikner wie
folgt: "Vielen Dank für Ihre Rückmeldung, wir werden die einzelnen, von Ihnen
angeführten Punkte redaktionsintern überprüfen." Eine weitere Antwort mit den
allfälligen Ergebnissen dieser Überprüfung erfolgte nicht.