Wien, 5. Jänner 2026
Sehr geehrte Damen und Herren,
in der heutigen Sendung "Vorgestellt" zeigte Herr Rudolf Aigmüller erstaunliche Oberflächlichkeit bei der Beschäftigung mit den Musikstücken, die er auf einer fünf(sic!) Monate alten CD-"Neuerscheinung" fand. Schon der Titel der Sendung "Barocke, weibliche Oratorien wiederentdeckt" ist grober Unfug. Erstens, weil Oratorien kein Geschlecht haben, zweitens weil die Texte dieser Oratorien ohnehin alle von Männern geschrieben wurden (deren Namen im CD-Beiheft auf geradezu sexistische Weise verschwiegen werden), und drittens, weil die auf dieser "neuen" CD befindlichen Stücke von Grimani und de Rossi keine Neuentdeckungen sind. Im Gegenteil, sie wurden alle schon vor fast 40 Jahren im Druck publiziert. Wenn also ein Radio-Auskenner von "Geschlechterunterdrückung" und "Ignoranz der Musikwissenschaft" spricht, sollte er vorher wenigstens die mindesten Hausaufgaben erledigt haben. Eine Edition aller Oratorien de Rossis (auf Basis der komplett Im Internet zugänglichen[!] Originalpartituren in der ÖNB) liegt seit 2003 vor (Martina Natter: Die vier Oratorien von Camilla de Rossi Romana, 2: Edition, Innsbruck 2003). Alle auf der "neuen" CD befindlichen, von Frauen komponierten Arien wurden schon 1987 von Barbara Garvey Jackson im Druck publiziert. Jackson publizierte auch Gesamtausgaben der Oratorien "Il Sacrifizio di Abramo" und "Santa Beatrice d'Este". Herr Aigmüller beschränkte sich auf das Wiederholen des fehlerhaften Textes des CD-Beiheftes und schwärmte daher von "für Franceso Conti geschriebenen Lauten-Soli". In keinem der genannten Oratorien von Grimani und de Rossi gibt es explizite Lauten-Soli. Und gäbe es solche, wären sie nicht von Conti, sondern vom Lautenisten der Hofkapelle Andre Boor gespielt worden.
Es zeigte sich erneut eine leicht verzerrte Perspektive auf die Musikgeschichte. Die Oratorien von Grimani und de Rossi werden nicht "unterdrückt", sie werden nicht gebraucht. Sie sind genauso schwach wie hunderte Oratorien männlicher Komponisten, denn diese Stücke waren musikalische Tages- um nicht zu sagen: Massenware. Ignazio Conti (um nur ein Beispiel aus jener Epoche zu nennen) schrieb viel mehr Oratorien und Azioni sacre als die beiden Damen und er ist noch mehr vergessen als die beiden. Warum? Weil auf jede "unterdrückte" und vergessene Komponistin 50 unterdrückte und vergessene Komponisten kommen. Das ergibt sich aus den banalen statistischen Fakten.
Mit freundlichen Grüßen,
© Dr. Michael Lorenz 2026. Alle Rechte vorbehalten. Im Internet veröffentlicht am 12. Juli 2026.